So, das hat jetzt gerade noch gefehlt. Die Deutsche Telekom hat zusammen mit der “Deutschen Knigge-Gesellschaft” etwas veröffentlicht, das, ja wie soll man sagen, bestimmt etwas Brauchbares und Wegweisendes sein soll. Wer die Knigge-Experten für Altertumsforscher oder Wiedergeborene der Buddenbrooks hält, der irrt gewaltig. Zusammen mit dem bekannten und beliebten magentafarbenen Servicedienstleister wurde jetzt die berüchtigte eEtiquette -101 Leitlinien für die digitale Welt entwickelt. Um was gehts? In der Selbstbeschreibung heißt es:
“101 digitale Empfehlungen: Genau hier setzt das Team des Creation Centers der Telekom Laboratories unter der Leitung von Raimund Schmolze an. Und stellt nun, nach mehrmonatiger intensiver Recherchearbeit und zahlreichen Workshops mit Teilnehmern aus mehr als 12 Nationen, erstmals eine eEtiquette mit 101 Dos and Don’ts für den digitalen Alltag vor.”
Nicht mit den Marmeladefingern in der Tastatur rumklappern, nicht auf den Bildschirm schnäuzen oder so was, ja das hätte man noch erwartet. Den Experten für die elektronische Welt ist es aber gelungen, weit mehr zu schaffen: Eine unerträglich hässliche Webseite, mit Schrift die man nicht lesen kann, die zu allem Überfluss auch noch in der von der Telekom markenrechtlich geschützen Farbe Magenta daherkommt, und dann noch vollgestopft ist, mit wahrhaft unterirdischem Content. Content ist ja eigentlich King. Hier ist Content Kong. Oder um es anders zu sagen, ist das überhaupt Content? Egal, das ist vielleicht auch eher eine philosophische Frage. Wer jetzt noch einen entspannten Abend ohne neue Regeln haben will, der sollte woanders hin klicken. Es gibt auch gute Tierdokumentationen im Internet.
Doch neugierig? Ok, read on my dear, denn jetzt geht’s ins Detail. Was muss beachtet werden, in der digitalen Welt. Und Vorsicht, Knigge-Aussagen sind bestimmt mehrheitsfähig. Beginnen wir mit der “Leitlinie des Tages”, heute Nr. 5:
“Sollte Deine E-Mail einem Epos gleichen, gestehe dies aus Achtung gegenüber geduldigen Lesern ein.”
Hm….soll man darauf jetzt eingehen? Ne, lieber nicht, das wird sonst ein Epos. Na gut, das hier ist schon sinnvoller (Regel Nr.1) : “Nutzt du einen neuen Kommunikationskanal, beobachte zuerst und erkunde die grundlegenden Verhaltensregeln.” Einverstanden. Wird aber gleich wieder völlig entwertet durch diese Leitlinie hier:
“Menschen zuerst: Eine reale Person hat gegenüber einem technischen Gerät immer Vorrang und verdient Deine volle Aufmerksamkeit.” (Regel Nr.71)
Wenn man das weiterdenkt führt dies unweigerlich zu der schwierigen Frage: Tiere oder technisches Gerät? Was hat Vorrang? iPhone oder Hauskatze? Und was, wenn ich beides habe? Wen bevorzuge ich, wer muss leiden? Und wer hat Vorrang wenn das iPhone mit einem Telekom-Vertrag zwangslizensiert ist? Und was, wenn ich meine Hauskatze magentafarben einfärbe? Viele Fragen, ich denke darüber nach. Bis dahin weiter zur nächsten Leitlinie.
Vielleicht Nr. 28:
“Ja, man darf auf Twitter auch Leuten “folgen”, die man nicht persönlich kennt”.
Dazu folgende vorsichtig formulierte Frage: Folge ich dann eigentlich Menschen oder einer Maschine? Das hast du nicht erwartet, lieber digitaler Telekom-Knigge! Na?
Und jetzt noch die drohende Peitsche eines katholischen Mädcheninternats in Regel Nr. 41:
“Führe in fremden Wohnungen keine langen Telefonate und entschuldige Dich für Deine schlechten Manieren.”
Natürlich, entschuldigen Sie.
Wie gehe ich ans Telefon?
“Melde Dich mit Deinem vollständigen Namen wenn Dich ein unbekannter Teilnehmer anruft” (Regel Nr. 50)
Das ist insbesondere für Cold-Call-Anrufe wichtig, dann stellt sich diese doofe Identifikationsfrage gar nicht und man kann gleich einen günstigen telefonischen Vertrag abschließen. Nebenbei: Gilt das auch für Festnetztelefone? Und ist das dann auch digital? Ich meine, es gibt ja noch andere, ältere Apparate. Das ist jetzt aber wahrscheinlich ungerecht, wenn ich hier Wortklauberei betreibe. Entschuldigen Sie ein weiteres Mal.
Jetzt geht es noch um Reue und soziale Netzwerke (Regel Nr. 60):
“Du könntest es bereuen, Dich mit nahen Verwandten, Ex-Partnern, Mitarbeitern oder Deinem Chef in sozialen Netzwerken anzufreunden. Überlege gut.”
Da ist was dran, aber, ich könnte es auch bereuen, auf Familienfeste mit allzu vielen nahen Verwandten zu gehen, meine Ex-Freundin knutschend im Park zu beobachten oder meinen Chef im Schwimmbad zu treffen. Ach man könnte so viel.
So, es gibt da jetzt noch über 90 weitere Regeln. Nicht mit Marmeladefingern in die Tastatur tippen oder auf den Bildschirm schnäuzen war nicht dabei. Die beiden wichtigsten Dinge vergessen. Deswegen mein Fazit: Leider völlig unbrauchbar. Und wenn hier jemand die Recherche zu bemängeln hat, ich habe alle 101 Regeln gelesen. Ist aber nicht zu empfehlen. Das macht einen breiigen Kopf.
Immerhin habe ich diese Regel hier (Nr. 95) mit meinem Blogbeitrag eingehalten:
“Bezeuge Dein Beileid auf demselben Wege auf dem Du eine traurige Nachricht erhalten hast”.
Es tut mir aufrichtig leid, liebe Telekom, lieber Knigge, ihr Angebot ist leider durchgefallen. Nehmen Sie es doch einfach aus dem Netz. Oder ist das der Abschlussbericht für Ihr Forschungsvorhaben? Dann natürlich so lange drinlassen, bis die Haushälter einmal drüber gegangen sind. Danach aber raus. Ja? Bitte, danke!













Pingback: eEtiquette: 10 Ratschläge für die Telekom : netzpolitik.org
Iiiihhh, man kann die Seite nichtmal mit dem iPhone ansehen… Nicht resizeable… Tsss…
Bei Regel Nr. 0 durchgefallen:
“Errors found while checking this document as HTML5!
Result: 27 Errors, 2 warning(s)”
– http://validator.w3.org/check?uri=http%3A%2F%2Feetiquette.de%2F&charset=%28detect+automatically%29&doctype=Inline&group=0 .
Rosa FAIL!
>“Führe in fremden Wohnungen keine langen Telefonate und entschuldige Dich für Deine schlechten Manieren.”
Was zum Fick tut das in einer Netzknigge? Das gehört doch entweder in die Knigge für fremde Wohnugen, in die Telefonknigge oder einfach zum gesunden Menschenverstand.
Auch: Man kann den anderen um Entschuldigung bitten, nicht jedoch sich selbst entschuldigen. Ist auch im Netz so.
RFC 1855 ist auch schon 15 Jahre alt, der kann ja nicht mehr aktuell sein und auf Englisch ist er auch noch, das versteht doch niemand.
Pingback: Telekom eetiquette – fail³ « Kissaki Blog
Man kann ja dort auch eine Leitlinie beisteuern, z.B. “Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal…”
@Bernd: weil es ein VoIP-Anruf über das WLAN der Wohnung ist. T-mobile ist ja zu teuer.
@philippotto:
du, der du alle regeln durchgeklickt hast: was ist mit “den kopf nicht übermäßig gegen die wand schlagen” oder “aus selbstschutz nicht direkt ins magenta blicken”?!
da müssen schon einige sicherungen durchgeknallt sein – selten ist man sich in der kritik an einer bumsbude so einig…
Wobei einige »Leitlinien« wirklich interessant sind, zum Beispiel, dass man sich auch bei unbekannten Anrufern mit dem kompletten Namen melden soll. Logisch, damit die Kalt-Aquise weiß, dass sie auch wirklich den Richtigen erwischt haben, oder wie?
Eine Regel sagt auch, man soll SMS immer schnell beantworten, erst recht, wenn es um Orte und Logistik geht. Warum denn vorallem bei Orten? Und warum bei Logistik? Ist das nicht schon Wahnsinn genug, sensible Geschäftsdaten unverschlüsselt über ein angezapftes und abgehörtes SMS-Netz laufen zu lassen? Warum soll ich Logistikdaten überhaupt über SMS mitteilen?
Eine Regel sagt, man soll beim Video-Chat jeden vorstellen, der im Bild auftaucht, auch meine Miezekatze. Wozu zum Geier denn das? Damit die Telekom zu einem bestimmten Namen auch ein Gesicht hat, oder was?
Bei vielen Regeln stellt sich mir die Frage: »Warum?«. Meistens sind die Regeln einfach nur kompletter Schwachfug, manchmal merke ich aber, dass ein leichtfertiger Umgang mit meiner Privatsphäre durchaus befürwortet wird. Man merkt die Absicht und ist verstimmt. Und das nennt sich dann eEttiquette.
Und im Internet gab es ja noch nieeee sowas wie eine Netiquette oder FAQs. Und es passt auch wirklich wie die Faust aufs Auge, dass ausgerechnet die Telekomiker jetzt meinen, uns vorzuschreiben, wie wir miteinander umzugehen haben.
Da die Telekomiker nicht die Macht haben, aus diesen sogenannten Leitlinien sanktionierbare Straftatbestände zu machen, kann mich die Telekom in dieser Hinsicht einfach mal gepflegt am Arsch lecken.
DIE 13 GEFÄLLT MIR SEHR GUT, WEIL SIE DAS PROBLEM WIRKLICH OPTIMAL AUF DEN PUNKIT BRINGT:
http://eetiquette.de/de/13/
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da sich das Projekt offensichtlich selbst nicht allzu ernst nimmt (siehe R2D2-Regel), finde ich es eigentlich gar nicht übel – das hätte ich dem rosa Riesen gar nicht zugetraut.